Bonsai Stilkunde

Eine Stilkunde für Bonsai? – Bonsai-Einsteiger werden sich dabei verwundert die Augen reiben. Tatsächlich gibt es aber verschiedene Stile. Wenn Sie diese bei der Pflege und Gestaltung Ihres Bonsai beachten, werden Ihnen mit Sicherheit weniger Fehler unterlaufen als den meisten anderen Bonsai-Anfängern.

Wenn Sie im Bonsai-Fachhandel, im Internet oder in Fachzeitschriften und Büchern Bilder von Bonsai sehen, werden Sie schnell feststellen, dass die Minibäume sehr unterschiedlich gestaltet sind. Manche wachsen kerzengerade hoch, andere schief. Die einen haben eine ausladende Krone, die anderen eine dreieckige. Diese und viele andere Gestaltungsformen sind Ausdruck der verschiedenen Stile, die in der Kunst des Bonsai gepflegt werden.

Die Bonsai-Stilkunde umfasst über 100 verschiedene Formen

Bonsai-Jünger werden Ihnen meist etwa zehn solcher Stile nennen. Erfahrenere Bonsai-Freunde kennen vielleicht sogar 20 bis 30 unterschiedliche Bonsai-Stilformen. Tatsächlich sind aber etwa 140 unterschiedliche Stilformen bekannt. Hinzu kommen noch diejenigen, die in Japan und China in weniger bekannten Traditionen gepflegt werden.

Doch keine Angst: Sie müssen diese Stile nicht alle kennen, und Sie müssen sie auch nicht beherrschen. Dieses Wissen werden Sie sich im Laufe der Zeit Stück für Stück aneignen, so wie es sich aus Ihren Interessen und Vorlieben ergibt. Die folgende Auflistung soll Ihnen nur einen kurzen Einblick in und Überblick über die gängigen Stilformen verschaffen.

Die Stilformen sind der Natur abgeschaut

Die einzelnen Stilformen sind der Natur abgeschaut und beziehen sich immer auf einen bestimmten Schwerpunkt in der Gestaltung, etwa die Wuchsform oder die Kronenform. Dabei sind auch Kombinationen möglich. Wahre Bonsai-Meister durchbrechen diese Regeln sogar, um völlig einzigartige Bonsai-Kunstwerke zu schaffen. Andererseits werden in Europa auch Formen entwickelt, die in Japan und China nicht definiert sind.

  • Wuchsrichtung: Im Hinblick auf die Wuchsrichtung des Stamms unterscheidet die Bonsai-Stilkunde die streng aufrechte Form (Chokkan), die frei aufrechte Form (Moyogi) und den geneigten Stamm (Shakan).
  • Stammteilung: Aus einem einzigen Wurzelstock können auch mehrere Stämme entspringen. Beim Doppelstamm oder Zwillingsstamm (Sookan) sind es zwei, beim Dreifachstamm (Sankan) drei und beim Mehrfachstamm (Kabudachi) noch mehr. Bei diesen Formen wird besonders darauf geachtet, dass die Wuchsrichtung der einzelnen Stämme gleich ist, etwa streng aufrecht (Chokkan) oder frei aufrecht (Moyogi).
  • Windgepeitsche Formen: Bei den windgepeitschten Formen (Fukinagashi) werden Bäume nachgebildet, die  in der freien Natur starkem Wind ausgesetzt sind, etwa in den Bergen oder in der Steppe. Hier lassen sich besonders dramatische Effekte erzielen. So kann etwa der Eindruck erweckt werden, dass der gesamte Baum vom Wind auf den Boden gedrückt wird.
  • Kaskadenformen: Bonsai können auch kaskadenförmig nach unten wachsen, wie dies an den Steilhängen der Küsten und in den Bergen oft zu sehen ist. Die typischen Stilformen sind hier  die Vollkaskade (Kengai) und die Halbkaskade (Han Kengai).
  • Tierformen: Besonders in China werden in der Bonsai-Kunst auch Tierformen gestaltet, zum Beispiel die Drachenform (Horai).
  • Landschaften: Sehr gerne werden auch kleine Landschaften nachgebildet, etwa als Minaturlandschaft (Saikei), als Riesenlandschaft (Bonkei) mit Felsen, Wasser, Häusern und Figuren, oder als Waldform (Yose-Ue), bei der mehrere Bäume zu einem Miniwald gruppiert werden. Im traditionellen Bonsai werden dabei übrigens entweder nur Laubbäume oder nur Nadelbäume eingesetzt.